Mittelhochdeutsch

Die "klassische" Zeit des Mittelhochdeutschen war etwa zwischen 1190-1220. In jener Zeit bildete sich an den Höfen des Reiches eine überregionale Literatursprache heraus, welche die Dialektunterschiede weitgehend aufhob. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden neue Themen und Gattungen, wie der Minnesang, die Spruchdichtung, weltliche Epik. Die geistliche Literatur trat in jener Zeit in den Hintergrund.

Die Orthographie (Rechtschreibung) jener Zeit war noch nicht normativ geregelt, daher die vielen unterschiedlichen Schreibweisen. Auch die Interpunktion war noch recht frei: Punkt und Strichpunkt dienten v.a. dazu, Lesepausen oder ein Versende kenntlich zu machen.

Hinzu kommen Besonderheiten wie Abkürzungen und Ausfall (Elision) von Buchstaben, die einem Menschen unserer Zeit das Lesen mittelhochdeutscher Texte erschweren.

Beispiele:
1.1. Apokope: Ausfall am Wortende. ich vare > ich var
1.2. Synkope: Ausfall im Wort. er sihet > er siht
2.1 Proklise: Anlehnung an das folgende Wort. daz ich > deich
2.2. Enklise: Anlehnung an das vorangehende Wort. bist du > bistu
3. Assimilation: Angleichung zweier Laute. umbe > umme.

Aussprache:

1. Vokale:

^ (Zirkumflex) = langer Vokal

Vokale ohne Zirkumflex werden kurz gesprochen, auch wenn man geneigt ist, sie dem Neuhochdeutschen anzupassen, wie es bei leben und sagen der Fall ist. Laut Hennings (S.36) breitete sich jedoch die "moderne" Dehnung in offener Tonsilbe schon im 12./13. Jh. aus, womit es also gleich weniger tragisch wird, wenn man diese Regel mal vergessen sollte.

Die Umlaute zu den langen Vokalen â und ô sind æ und œ (Ligatur) und müssen ebenfalls lang gesprochen werden. swære, hœren.

Vorsicht: Der Umlaut von û ist iu. Im Althochdeutschen war dies ein Diphthong (Doppellaut, bei dem jeder Vokal einzeln gesprochen wird), im Mittelhochdeutschen dagegen nur ein langer Monophthong (nur ein Vokal, hier: ü), z.B. in triuwe.

î, û, iu (ü) = Diese langen Monophthonge entwickeln sich allmählich seit dem 12. Jh. zu den Diphthongen ei, au, eu/äu - strîten, hûs, liute.

ie, uo, üe = Diese Diphthonge sind zunächst noch getrennt zu sprechen, mit fallender Betonung (d.h. der erste Vokal wird betont). Daraus entwickeln sich ab dem 11./12.Jh. im mitteldeutschen Sprachraum die Monophthonge i (und ie), u, ü (meist als Langvokale) - niemens, muote, güete.

2. Konsonanten:

uu = wird als w gesprochen (bilabialer Halbvokal)

u = labialer Reibelaut v/f im Wortanlaut

v = f Im klassischen Mittelhochdeutsch bezeichnete v noch einen stimmhaften Reibelaut, wurde jedoch im 13. Jh. stimmlos und glich sich dem f an. Meist steht f im Wortauslaut und v im Wortanlaut oder zwischen zwei Vokalen. der hof - des hoves.

th/d= d (thaz, themo)

z = ts (dentale Affrikata; wie in "sitzen") im Wortanlaut (zît) und nach Konsonant (zi holza)

z = "scharfes" s (stimmlose Spirans laut Weddige und Hennings) im Auslaut nach Vokal (fuoz) und im Inlaut zwischen Vokalen (bezzer). An jener Stelle stünde heute ß oder ss.

h = Hauchlaut im Wort- und Silbenanlaut (hûs, ge-se-hen)

h = ch (gutturaler Reibelaut) im Auslaut (ih) und in den Verbindungen lh, rh, hs, ht:
solh, durh, vuhs, naht, rehte.

Die Konsonantenverbindungen st, sp, sl, sm, sn, sw spricht man so, dass der Buchstabe s seinen Lautwert behält. Also "S-tein", statt "Schtein".

Dagegen spricht man sc, sh, sch als sch, z.B. in scœne.

ph = pf (phlegen)

Literatur:

Curschmann/Glier (Hgg.): Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd. 1, S.800-802; Bd. 2, S.812-813; Nachwort Bd. 3. München, Wien 1980.

Hennings, Thordis: Einführung in das Mittelhochdeutsche. Berlin, New York 2001.

Weddige, Hilkert: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. München 2003. 5. Auflage.

(Für diejenigen, welche genauer wissen wollen, was "dentale Affrikata" oder "labiale Reibelaute" sind, empfiehlt sich eine Einführung in die Linguistik, z.B. die von Heidrun Pelz.)


© Denise Lehtisaari, 11.02.2003, überarbeitet im September 2003.
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