Die "Grafschaft an der mittleren Lahn" wurde Ende des 11. Jhs auf zwei Brüder aufgeteilt: Hermann von Salm († 1088) erhielt die Westhälfte mit der Burg Gleiberg und Konrad I. von Luxemburg († 1086) die Osthälfte (mit Anteil an der Burg). Clementia, die Witwe Konrads, gründete 1129 im Ostteil das Stift Schiffenberg. Sie ist ein Beispiel dafür, wie "international" der Hochadel damals schon war, kam sie doch von weither: ihr Vater war Wilhelm VII. von Poitou, Herzog von Aquitanien. (Stammtafel der Gleiberger Grafen) (45kB)
Aus Clementias Ehe mit Konrad I. gingen drei Kinder hervor: Heinrich, Wilhelm und Ermesinde. (Dabei ist anzumerken, dass dies vermutlich nur die überlebenden und daher bekannten Kinder sind.) Wilhelm erbte den Ostteil der Grafschaft und vererbte ihn seinerseits (er starb 1130) an seinen Sohn, der ebenfalls Wilhelm hieß. Dieser Graf Wilhelm von Gleiberg verhielt sich den Staufern gegenüber zunächst abwartend, ab 1150 jedoch hatte er sich klar für ihre Seite entschieden und war am Hofe Konrads III. (1138-1152) nachweisbar. In der Frühphase Friedrichs I. Barbarossa (1152-1190) arbeitete Wilhelm dann eng mit dem staufertreuen Mainzer Erzbischof Arnold (dem Herrn der Wetterau, 1153-1160) zusammen.
Es war die überaus günstige Straßen- und Flußlage, welche schließlich auch das Interesse Friedrichs I. weckte. Durch die Gießener Gegend verliefen mehrere wichtige Handelsstraßen: die Weinstraße von Mainz nach Paderborn, andere Wege trafen sich mit ihr vom Rheinland her und eine Fernstraße Richtung Thüringen.
Auch Wilhelm war mit einer höchst noblen Frau verheiratet: Salome war eine Nachfahrin König Salomos von Ungarn und einer Schwester Kaiser Heinrichs IV.
Als die Linie ihrer Rheinecker Verwandten, welche den Westteil der Grafschaft mit der Burg innehatten, ausstarb, entschlossen sich Wilhelm und Salome 1152 eine neue Burg zu gründen, denn die Burg Gleiberg ging in den Besitz einer anderen Familie über. Ihre neue Burg war die Wasserburg Gießen. Von den Kindern überlebte nur Mechthild (geboren um 1155), die später den Ostteil samt der Vogtei Schiffenberg erbte. Da ihr Vater starb, als sie noch ein Kleinkind war, wuchs sie allein unter der Obhut ihrer Mutter Salome auf.
Friedrich Barbarossa arbeitete während Mechthilds Jugendzeit daran, seinen Einfluß auf die Wetterau auszudehnen. Die Städte Gelnhausen, Friedberg und Wetzlar/Kalsmunt hatte er auf seiner Seite, ebenso die Herren von Büdingen, jene von Peilstein-Cleeberg, den Landgrafen von Thüringen/Nordhessen und die Reichsdienstmannen von Münzenberg. Als sich das Zerwürfnis zwischen Barbarossa und seinem Vetter, dem Welfen Heinrich den Löwen, anbahnte, gewann die Gießener Gegend an taktischer Bedeutung, lag sie doch zentral zwischen den staufischen Machtpositionen. Es war nun von höchster politischer Wichtigkeit, wer sich mit der Erbin Mechthild von Gleiberg verheiraten würde. Sie entschied sich (vor 1181) für den künftigen Pfalzgrafen Rudolf I. (1182-1219), einen fernen Verwandten Barbarossas. Die beiden residierten fortan in Tübingen, während Mechthilds Mutter Salome weiterhin Gießen verwaltete. Das letzte Lebenszeichen Salomes ist die urkundliche Ersterwähnung Gießens 1197. Gräfin Salome von Giezzen steht an der Spitze der Zeugen anläßlich eines Gütertausches zwischen Kloster Arnsburg und Stift Schiffenberg. Die Urkunde von 1203 wurde von Abt Meffried von Arnsburg ausgestellt. (Darauf befindet sich auch das Siegel des Reichskämmerers Kuno I. von Münzenberg.) Salome muß also zwischen 1197 und 1203 gestorben sein. Zu jener Zeit existierte bereits eine Siedlung rund um ihre Wasserburg.
Salomes Tod fiel in die Zeit politischer Wirren: Kaiser Heinrich VI., der Sohn Friedrich Barbarossas, starb 1197, unfähig die Herrschaft seinem Sohn Friedrich zu sichern. Daher entbrannte ein Thronstreit zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto IV. Zeittafel
Rudolf I. von Tübingen, Pfalzgraf von Schwaben, zeigte sich in diesem Streit den Staufern treu. Er unterstützte 1198 die Königswahl Philipps und 1212 ermöglichte er Friedrich II. die rätischen Pässe zu überqueren.
Rudolf I. starb 1219. Von seinen drei Söhnen Hugo, Rudolf und Wilhelm wurde letzterer Graf von Tübingen und Gießen. Dass die Gießener Grafschaft an den jüngsten Sohn fiel, zeigt wie sehr die Gegend seit dem Sturz Heinrichs des Löwen (1181) an Bedeutung verloren hatte.
Herrschaften im Raum Giessen ca. 1220/30 (55kB)
Für den Sohn und Mitregenten Kaiser Friedrichs II., Heinrich VII., blieb die Wetterauer Gegend ein Nebenschauplatz. Dies nutzten die thüringisch-nordhessischen Landgrafen und das Erzstift Mainz aus, um dort ihren Einfluß auszudehnen. Graf Wilhelm von Gießen ließ sich dagegen eher selten in seiner Gießener Grafschaft blicken. (Vor 1236 ist er dort nicht nachweisbar.) 1248 wird Gießen zufällig in einer Urkunde als Stadt erwähnt. Stadtsiegel (15kB)
Graf Wilhelm verstarb zwischen 1252 und 1256 und hinterließ seinem jüngeren Sohn Ulrich den Titel Graf von Tübingen und Gießen (ab 1263 belegbar).
Die Burg Gießen war von Anbeginn (1152) durch Burgmannen gesichert. Diese Burgmannen - niederadelige Vasallen (Ritter) und Dienstmannen (Ministeriale) - wurden mit einem Lehen ausgestattet, das sie zur Burghut verpflichtete. "Sie konnten in der Burg wohnen oder ihren nahegelegenen Stammsitz beibehalten, um im Bedarfsfalle ihre militärischen und administrativen Dienstpflichten zu erfüllen." (S.9) Die frühesten Burgmannen waren vermutlich die Häuser Buseck, Linden, Hattenrod.
Gießens "Stadturkunde" von 1248 nennt einen Schultheiß Konrad, mehrere Schöffen, Bürger und sieben Ritter. Das Schöffenkollegium, unter dem Vorsitz des Schultheißen, war für Verwaltung und Rechtsprechung zuständig. Der Schultheiß wurde vom Stadtherren (dem tübingischen Grafen) eingesetzt und konnte auch wieder seines Amtes enthoben werden.
Der vorliegende Text zeigt nur einen für unsere Darstellung bedeutsamen Ausschnitt aus der Gießener Geschichte. Für mehr Informationen verweise ich auf:
800 Jahre Gießener Geschichte:1197-1997, hg. von Ludwig Brake und Heinrich Brinkmann. Gießen 1997. 1. Kapitel: Die Anfänge:1197-1308 von H. H. Kaminsky.
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