Nähen

Teil 2

Ein Erfahrungsbericht - Teil 1

Mein erstes Gewand schneiderte ich mir eigentlich nicht selbst, sondern eine Freundin, die kurz zuvor ebenfalls zur Gruppe gestoßen war. Das Leinen hierfür erwarben wir bei unserem gruppeneigenen Stoffhändler, so dass es in der Hinsicht keine allzugroßen Probleme gab. Auch der Schnitt war einfach zu finden: "Buch der Gewandung", bzw. 'Das erste Gewand' bei Tempus Vivit(TV), da ich eine einfache Bäuerin darstellen wollte. Damals machte ich mir noch keine Gedanken darum, ob mit der Maschine genähtes 'A' ist oder nicht.

Einige Klamotten später kam ich dann allerdings ins Grübeln. Es gab sowohl im TV als auch innerhalb unserer Gruppe eine rege Diskussion über mit Hand oder Maschine nähen...aber nichts darüber wie die Nähte zu unserer Zeit (ca. 1200) eigentlich aussahen, sprich welche Nähtechniken verwendet wurden!

Die in Reenactor-Kreisen verwendete Literatur konnte mir zunächst nicht weiterhelfen, oder hat jemand von euch das Kapitel 'Nähte' im "Buch der Gewandung" entdecken können? Aber halt, ein Lichtblick! Ulrich Lehnart (Kleidung und Waffen der Früh- und Hochgotik, 1150 - 1320, Wald-Michelbach, ?) hatte ein kurzes Kapitel genau über dieses Thema (S. 57 - 59). Bei genauerem Hinsehen konnte ich allerding mit "relativ häufig anzutreffenden" Überwendlichstichen auch nicht so richtig was anfangen, denn was heißt relativ häufig und was bedeutet: "Der Steppstich erfüllt den Zweck einer dauerhaften Verbindung von zwei Stoffteilen am besten. Er wurde dann benutzt, wenn die Naht relativ hohen Zugkräften ausgesetzt war." für mich? Heißt das, dass ich ruhigen Gewissens weiterhin die Seitennähte mit der Maschine nähen kann? Aber die ist doch nicht 'hohen Zugkräften' ausgesetzt, oder?

Also machte ich mich auf die Suche nach den Informationsquellen des Herrn Lehnart: "Crowfoot, Elisabeth und Pritchard, Frances und Staniland, Kay: Textiles and Clothing c. 1150 - c. 1450, London 1992" sowie "Hägg, Inga: Die Textilienfunde aus dem Hafen von Haithabu (Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu 20) Neumünster 1984". Da Haithabu eigentlich nicht meiner Zeit entsprach hatte ich mir natürlich von Crowfoot et.al. interessante Einsichten erhofft. Es war auch im Katalog der Uni Marburg zu finden - oh Freude - doch leider nicht an seinem Standort in der Bibliothek des Fachbereiches Vor- und Frühgeschichte - oh Graus! Das Buch von Frau Hägg habe ich gefunden. Dort war dann zu lesen, dass leider, leider leider in Haithabu kein einziges Mal eine sogenannte Steppnaht, also das was unsere Nähmaschinen nähen, gefunden wurde. Der vorherrschende Stich in Haithabu war der, auch bei Lehnart angesprochene, Überwendlichstich. Lediglich einmal kam ein Rückstich vor, allerdings wurde der zum befestigen eines umgelegten Saumes verwendet, was mir bei meinen Seitennähten auch nicht weiterhilft :(

Bei meinen Recherchen im Katalog der Uni Marburg habe ich noch zwei weitere Titel gefunden, die sich mit hochmittelalterlichen Textielien befassen, allerdings muss ich erst noch erruieren, in wie weit sie auch auf Nähte eingehen. Mehr dazu also demnächst an dieser Stelle.


Ein Erfahrungsbericht - Teil 2

Heureka! Das Buch von Crowfoot et al. war doch in der Bibliothek zu finden, hatte nur eine andere Signatur, als im Katalog angegeben - tja, zum Glück gibt's Hilfskräfte, die man fragen kann ;). Nun weiß ich auch, warum Herr Lehnart so ungenaue Angaben in seinem Kapitel über Nähte stehen hatte: nix genaues weiß man nicht!!
Zitat Crowfoot et al., S. 155: "Today the most traditional form of seam is that where a line of stitching runs parallel with the two raw edges to be joined and it has to be assumed that by the middle ages too this was the most usual method for joining textiles."
Es sind wohl eine unbestimmte Anzahl von Nähten dieser Art in London gefunden worden, leider gibt es aber weder eine genaue Zahl, noch eine Abbildung in dem Buch. Letzteres liegt wohl vor allem daran, dass sich die Nähfäden hier größtenteils nicht erhalten haben. Die meisten dieser Nähte sind wohl Vor-, bzw. Heftstiche gewesen. Rückstiche sind in London nicht gefunden worden, jedenfalls keine sicheren Hinweise darauf. Die Autoren merken an, dass der Saum eines quer zum Fadenverlauf geschnittenen Beinlings eventuell mit Rückstich umgenäht worden sein könnte, um diesem mehr Widerstandskraft zu verleihen. Eine weitere Verstärkungsmethode wäre wohl das Annähen der zurückgeschlagenen Nahtzugabe an den Stoff mittels Vorstich gewesen, allerdings gibt das Buch keine Hinweise auf gefundene Textilien, an denen dies geschehen ist.

Ergebnis

Für mich persönlich hat sich ergeben, dass ich mich wohl auf Bücher nicht so sehr verlassen kann. Ich würde gerne erhaltene Textilien aus der Zeit persönlich in Augenschein nehmen. Das wird wohl aber schlecht machbar sein. Auf jeden Fall werde ich mir demnächst, wenn es Zeit und Geldbeutel zulassen, einige Museen und Kirchenschätze genauer ansehen. Die beiden oben erwähnten Bücher habe ich noch nicht in Augenschein genommen. Allerdings habe ich keine große Hoffnung mehr, dass sie auf das eingehen, was mich an den Textilien interessiert. Falls doch, werde ich mich wieder hier melden.

Diese Sticharten und ihre Verwendungsweisen konnte ich aus Crowfoot et al., sowie Hägg herauskristallisieren:

Ergebnis, die 2.

Nachdem ich nun die Nähte einer Wolltunika mittels Überwendstich zusammengenäht und die Säume umgeschlagen und mittels Vorstich festgenäht habe, habe ich ein gutes Vergleichsbeispiel zu meinen sonstigen mit der Maschine genähten Kleidungsstücken. Dabei muss ich anmerken, dass ich für die Nähte die Stoffteile rechts auf rechts gelegt hatte und den Faden auf der linken Seite über beide Stoffkanten gleichzeitig geführt habe.

Wichtiger Nachtrag

Mittlerweile konnte ich das sogenannte 'Büßerkleid' der Hl. Elisabeth in Augenschein nehmen. Für dieses Kleidungsstück wurde offensichtlich die Methode, welche Hägg beschrieben hat (überlappende Kanten mit Hilfe des Überwendstiches zusammengenäht) verwendet. Dies ergibt flache Übergänge zwischen den einzelnen Stoffteilen.
Diese Methode habe ich bei meinen neuen Strümpfen sofort ausprobiert und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass sie für passgenaue Kleidung nur dann empfehlenswert ist, wenn man nach genauen Maßen arbeitet. Außerdem kam bei mir die Frage auf, wie die Stoffteile vor dem auseinanderrutschen bewahrt wurden. Heute kann man Stecknadeln benutzen oder man macht eine Heftnaht, wurde dies im Mittelalter ebenso gemacht?

PS: In wie fern der Stielstich als Variante des Vor- und/oder Heftstiches bekannt war, kann ich im Augenblick nicht sagen.

©Heike Amthor


Crowfoot, Elisabeth; Frances Pritchard und Kay Staniland: Textiles and Clothing c. 1150 - c. 1450. London 1992.
Hägg, Inga: Die Textilfunde aus der Siedlung von Haithabu (Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu 22 oder 23). Neumünster 1985 oder 1986.


04.03.2003, Heike Amthor
wappen Anfang
Webmaster
wappen