Die Mittelalterszene wird von Menschen gebildet, die mit den verschiedensten Ansätzen, Ideen und Wünschen an das Hobby herangehen. Die Bandbreite reicht von den oft verlachten Kostümsäufern bis zu den Hardcore-Brachialauthentikern - die oft nicht weniger spöttisch belächelt werden. Ihnen allen ist jedoch gemeinsam, dass sie sich auf den sogenannten Mittelaltermärkten, die mancherorts wie Pilze aus dem Boden schießen, treffen und dort ihre Lager aufbauen.
Nach der Anfangszeit, in der man froh ist überhaupt ein Lager auf die Beine bekommen zu haben, wächst bei vielen Gruppen der Wunsch, das Lager zu verbessern und die Ausrüstung zu optimieren. Den hehren Anspruch, die Sache auch historisch richtig- sprich A - zu machen mal vorausgesetzt, begibt man sich auf Quellensuche, sucht die örtliche Bibliothek heim, nervt arglose Professoren und andere Spezialisten in ihrem trögen Forscherdasein und verbaselt insgesamt einen ganzen Batzen Zeit. Schlußendlich gelangt man zu der Feststellung, dass der Mensch im Mittealter im Allgemeinen und der einfache Mann im Besonderen ein verdammt reisefauler Zeitgenosse war, was auch nicht verwunderlich ist, denn Autobahnen und andere Annehmlichkeiten werden in erst in einigen 100 Jahren erfunden. Natürlich wurde auch im Mittelalter herumgereist und Motels gab es auch schon aber das große Freiluftcamping rangierte bei den damaligen Touristen nicht gerade auf Platz 1 der Wunschliste. Lange Rede, kurzer Sinn, die großen Mittelaltermärkte mit einem Wust an hochherrschaftlichen Riddä-Zelten, die von Horden freier Bauern bewohnt werden, sind die Regel leider nicht. Und da steht er nun, der engangierte Reenacter, der doch so nah wie möglich den historischen Gegebenheiten entsprechen möchte und fragt sich, ob er denn nun jedesmal eine Herberge oder ein mittleres Kloster errichten muß, bevor er irgendwo das Wochenende verbringen darf.
Eine Möglichkeit wäre, komplett auf die Zeltmärkte zu verzichten und sich nur noch auf musealen Veranstaltungen in rekonstruierten Dörfern und ähnlichen Örtlichkeiten zu betätigen. Dummerweise sind diese Örtlichkeiten noch recht dünn gesäht und die Märkte machen irgendwo ja doch Spaß und Spaß ist ja das, was den Freizeitterror überhaupt einigermaßen erträglich macht. Außerdem wurde ja gezeltet, nur nicht so oft und nicht so gerne. So entstand zum Beispiel anläßlich des Mainzer Hoftages, Ende des 12. Jahrhunderts, ein großes Zeltlager um die Stadt herum, da es unmöglich war, alle Gäste und Schaulustige unterzubringen.
All diese Dinge im Hinterkopf, begannen wir ein Konzept für unsere Gruppe zu entwerfen, das, wenn schon nicht 100%ig, dann wenigstens so nah es eben geht, an die tatsächlichen Gegebenheiten im Jahre 1208 in Deutschland (optimalerweise Mittelhessen) herranreichen würde. Nach langen Diskussionen innerhalb der Gruppe, mit Historiken und anderen Reenactern, sowie Recherche in verschiedenen Quellen, formte sich schließlich die Idee für zukünftige Lager.
Ganz einfach gesagt soll das Lager eines Adligen oder einer Adligen mit Gefolge auf einer Reise dargestellt werden. Das Gefolge besteht aus den persönlichen Dienern der Adligen (Page, Knappe etc.), Würdenträger (Mundschenk, Herold etc.), Bewaffnete (Ritter, Waffenknechte etc.) und natürlich einfachen Mägden und Dienern. Zusätzlich könnten sich Händler, Geistliche oder fahrendes Volk in dem Lager aufhalten, die sich der Reisegruppe zum gegenseitigen Schutz für eine gewisse Zeit angeschlossen haben. Eines der Hauptziele dieser Konzeptidee ist die Reduktion der Riddäzelte im Lager. Daher sind maximal ein oder zwei Herrschaftszelte vorgesehen. Der Rest der Reisegruppe schläft in einfachen "Mannschaftszelten". Leider ist es für unseren Darstellungszeitraum fast unmöglich definitive Aussagen oder genaue Abbildungen über das Aussehen solcher Zelte zu bekommen. (siehe Quellensammlung über Zelte)
Neben dem optischen Eindruck wollen wir auch das Verhalten der einzelnen Personen, insbesondere zwischen den verschiedenen Ständen zum Ausdruck bringen. Man muß hier wohl das vorbelastete Wort "Rollenspiel" einbringen, wobei "Improvisationstheater" vielleicht besser wäre. Die einzelnen Leute sollen sich entsprechend ihrer Rolle benehmen und miteinander interagieren. Natürlich ist dies eine gefährliche Gratwanderung, da hierbei sehr viel interpretiert werden muß und das Verhalten möglicherweise nichts mit den Gegebenheiten von 1200 zu tun hat. Trotzdem denken wir, dass dies eine sehr interessante Angelegenheit ist, die einiges zum Verständnis der früheren Kultur beitragen kann, denn das Mittelalter unterscheidet sich von unserer heutigen Zeit um weit mehr als nur komische Klamotten.
Die Ausrüstung und Ausstattung des Lagers soll so weit es geht nach historischen Quellen rekonstruiert werden, was nicht immer einfach ist, da es wie gesagt nicht allzu viele Abbildungen hochmittelalterlicher Zeltlager gibt. Gegenstände, die nur unter enormen finanziellen und organisatorischem Aufwand angeschafft und transportiert werden können, wie zum Beispiel Karren mit dazu gehörige Zugtieren, sind momentan nicht zu realisieren.
Nach vielen theoretischen Überlegungen und Quellenforschung begannen wir im Frühjahr 2003 mit der Umsetzung der Konzeptidee. Das größte Problem war der mangelnde Schlafplatz. Darum stand die Fertigung von Zelten an erster Stelle. Als Vorlage diente eine Abbildung aus dem Eadwine Psalter, die ein dreieckiges Zelt zeigt. Aus einem einfachen, etwas festeren Stoff nähten wir zunächst ein kleines Materialzelt. Als das ganz gut klappte, machten wir uns daran aus einem Leinen-Baumwoll-Gemisch unser erstes Mannschaftszelt zu nähen, dass auf Herzberg 2003 seine Premiere mit Bravour bestand. Näheres zu diesem Zelt ist im Bereich Handwerk zu finden.
Anfang 2004 ersetzten wir die Latten aus dem Baumarkt, die bis dahin als Bänke dienten, durch vernünftige Bänke aus vernünftigem Holz. Die sind zwar ewig schwer, sehen aber um Längen besser aus.
Der nächste Schritt war die Anschaffung einer größeren Menge Tonwaren. Nach einem Tipp im Internetforum "Mittelalterlich Kochen" fuhren wir in das Keramikmuseum in Langerwehe und erstanden dort ein knappe Dutzend Kugeltöpfe Pingsdorfer Art in verschiedenen Größen, sowie Krüge und Becher. Ihren ersten Einsatz haben auch diese Gegenstände unbeschadet überstanden. Ein Hoch auf uns!
Im Mai 2004 soll unser zweites Materialzelt fertig sein, das Adelszelt spätestens ein Jahr später.
Wird fortgesetzt!
![]() |
Anfang Webmaster |
![]() |