Es existieren verschiedene Begriffe für das Hobby, dem die Mitglieder der Gruppe Viatores-Temporis nachgehen. Der Begriff "Reenactment" wird oft zur Beschreibung herangezogen, meint aber eigentlich die genaue Nachstellung einer historischen - meinst militärischen - Begebenheit. Die Schlacht bei Hastings 1066 wird zum Beispiel regelmäßig am Originalschauplatz in England "re-enacted". Besser passt wahrscheinlich der Begriff "Living History", was man ungefähr mit "erlebbare Geschichte" übersetzen kann. Die zwei Bekanntesten sind "Reenactment" und "Living History", die, wie das Hobby selbst, aus England stammen. Die Definition dieser Begriffe ist nicht ganz einfach und auch nicht immer einheitlich. Generell versteht man darunter aber eine praktische und möglichst authentische Beschäftigung mit einem festgelegten Zeitraum der Geschichte, gestützt auf theoretische Recherchen und Studien. Der gewählte Zeitraum kann von der Vorgeschichte über das Mittelalter bis hin zur Moderne reichen. Dabei werden zeitgenössische Kleidung und Ausrüstung, die zum Großteil selbst angefertig wurden, getragen. Die "Reenacter" tragen dabei zeitgenössische Kleidung und Ausrüstung, die sie zum Großteil selbst gefertigt haben.
Wir haben uns für die Zeit um 1208 in Mittelhessen entschieden. Diese Zeit liegt in der Epoche des Hohen Mittelalters und ist gekennzeichnet von Veränderungen in Politik und Gesellschaft. Die Herrschaft des Geschlechts der Staufer wird von dem Welfen Otto IV. bedroht, der sich in Frankfurt zum König wählen läßt, was die Region des staufertreuen Gießens in eine schwierige Lage bringt. Genaueres dazu findet sich in unserer Zeittafel und dem Artikel über Gießen.
Die Wahl dieses Zeitraumes erfolgte ursprünglich eher zufällig auf "irgendwann kurz nach dem 3. Kreuzzug". Obwohl sich bald herausstellte, dass die Zeit des mittleren und späten 13. Jahrhunderts weitaus besser mit Quellen und Funden belegt ist (Mac-Bibel, Codex Manesse), hielten wir an der Zeit um 1200 fest und sahen es als Herausforderung an, diesen eher schwach dokumentierten Zeitraum mit Leben zu erfüllen.
In unserer Anfangszeit fuhren wir ausschließlich auf die überall anzutreffenden Mittelaltermärkte um diese spannende Zeit nachzuerleben. Mittlerweile haben wir zusätzlich die Möglichkeit für einige Tage auf Burgen oder in Freilichtmuseen zu leben. Nachwievor fahren wir aber immer noch sehr gerne auf Märkte, da man dort ein großes Publikum erreicht und sie schlicht und einfach eine "Mordsgaudi" sind. Da wir unser Wissen über das Mittelalter auch gerne weitergeben, folgen wir gerne Einladungen von Kindergärten, Jugendgruppen und Schulen oder lassen uns für Dorffeste und ähnliche Veranstaltungen engagieren.
Wie bereits erwähnt sind zwei Aspekte für uns besonders wichtig: das (gemeinsame) eigene Nacherleben und Nachempfinden des mittelalterlichen Lebens und die Weitergabe unseres Wissens. Nacherleben bedeutet für uns nicht nur als wandelnde Kleiderständer präsent zu sein, sondern in authentischer Kleidung und Ausrüstung ein mögliches Abbild des Mittelalters inklusive seiner gesellschaftlichen Strukturen und Verhaltensmuster darzustellen. Dabei ist die strenge hierarchische Ordnung für den modernen, aufgeklärten Menschen nicht immer einfach zu akzeptieren, gehört für uns aber zur Darstellung genauso dazu, wie authentisches Schuhwerk oder Essgeschirr.
Die Mitglieder von Viatores Temporis beschäftigen sich mit einer Vielzahl der Aspekte des früheren Lebens: Handwerk, Kochen/Ernährung, Kampf, Tanz/Gesang, Handarbeiten etc. Dabei sind wir stets bestrebt im Rahmen unsere Möglichkeit so nah wie möglich an die damalige Realität heranzukommen. Das bedeutet nicht nur die Verwendung von authentischen Materialien, sondern auch die entsprechenden Fertigungstechniken und Werkzeuge. Recherchen in Bibliotheken oder im Internet, Diskussionen mit Gleichgesinnten, sowie eigene Experimente sind dafür nicht nur Grundvorausetzung, sondern machen einen Großteil des Hobbys aus (und machen nebenher auch noch ziemlich viel Spaß). Weiterhin sind wir in der glücklichen Lage, dass einige Professoren und Doktoren der Universität Giessen uns mit ihrem Rat zur Verfügung stehen.
Zur Zeit arbeiten wir an einem Konzept für unsere Lagerdarstellung. In diesem Rahmen stellen wir das Gefolge eines Adligen auf Reisen dar. Das Gefolge schläft in dreieckigen Mannschaftszelten, während das Adelspaar in einer herrschaftlichen Rundzelt untergebracht ist. Die Einrichtung der Zelte ist dem jeweiligen Stand angepasst, d.h. das Gefolge schläft auf einfachen Strohsäcken in Wolldecken gehüllt, der Adlige genießt den Luxus eines eigenen Bettes.
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